{"id":60,"date":"2016-03-21T12:00:45","date_gmt":"2016-03-21T11:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/thomasesche.de\/wordpress\/?p=60"},"modified":"2018-02-10T13:00:35","modified_gmt":"2018-02-10T12:00:35","slug":"consentir-a-perdre-de-vue","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/thomasesche.de\/wordpress\/consentir-a-perdre-de-vue\/","title":{"rendered":"Leseliste Sommer 2016"},"content":{"rendered":"<p class=\"western\"><b>Heimito von Doderer in: Die D\u00e4monen<\/b><br \/>\n<em>\u201e<\/em><span style=\"font-size: large;\"><em>Denn jedes wirkliche Gespr\u00e4ch bricht Tore in\u2018s Hier und Jetzt, in\u2018s So und So, ein Vorgang, der zur gr\u00f6\u00dften Unh\u00f6flichkeit, ja, Lieblosigkeit ausartet, gegen\u00fcber jedem, der nun einmal entschlossen ist, alles andere eher zu tun, als durch ein solches Tor zu gehen. Es sind das also Menschen, mit welchen man \u00fcberhaupt nicht reden kann, da seien sie, wer sie sein m\u00f6gen, die liebsten, die anst\u00e4ndigsten, die energischsten, die intelligentesten. Man mu\u00df ganz einfach zu viel achtgeben. \u201cAin gebild, wann dich daz ueberkom, und du pist damit allainig und verlozzen, entgehet dir all anders, bist verl\u00e2n\u201c<\/em> <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Fred Vargas in: Fliehe weit und schnell<\/b><br \/>\n<em>darum beten, \u201esich eines Tages in einem Refugium aus Stumpfsinn und Ohnmacht zusammenrollen zu k\u00f6nnen, um es nie wieder zu verlassen\u201c<\/em> <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Fred Vargas in: Die dritte Jungfrau<\/b><br \/>\n<em>ein Mann \u201emit jener &#8230; tr\u00fcgerischen Z\u00e4rtlichkeit\u201c\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 &#8230;<\/em><\/span><br \/>\n<em>\u201e<span style=\"font-size: large;\">, die Ungewi\u00dfheit bis zur Erstarrung zu lieben &#8230; sich verantwortungslos darin zu verlieren .. wenn man \u00fcberhaupt nichts wu\u00dfte, wozu sich dann aufregen?\u201c \u00a0 \u00a0 \u00a0 \u00a0\u00a0 &#8230;<\/span><\/em><br \/>\n<em>\u201e<\/em><span style=\"font-size: large;\"><em>Da er gemeinschaftliche Diskussionen nicht sonderlich mochte, \u2026 langweilten ihn diese allgemeinen Debatten derma\u00dfen, da\u00df er sich nicht erinnern konnte, auch nur eine einzige von Anfang bis Ende verfolgt zu haben.\u201c<\/em> <\/span><\/p>\n<p class=\"western\"><span style=\"font-size: large;\"><b>Michel Houellebecq in: Die Ausweitung der Kampfzone, 1999<\/b><\/span><br \/>\n<em>\u201e<span style=\"font-size: large;\">&#8230; da\u00df heute jedermann zwangsl\u00e4ufig irgendwann in seinem Leben glaubt, gescheitert zu sein.\u201c\u00a0\u00a0 &#8230;<\/span><\/em><br \/>\n<em>\u201e<span style=\"font-size: large;\">Von allen \u00f6konomischen und sozialen Systemen ist der Kapitalismus &#8230; das nat\u00fcrlichste. Da gen\u00fcgt &#8230; darauf zu verweisen, da\u00df er das schlimmste sein mu\u00df.\u201c \u00a0 &#8230;<\/span><\/em><br \/>\n<em>\u201e<span style=\"font-size: large;\">Da\u00df die Freiheit nichts anderes sei als die M\u00f6glichkeit, Verbindungen verschiedenster Art zwischen Individuen, Projekten, Institutionen und Dienstleistungen herzustellen. &#8230; Maximum an Freiheit &#8230; (f\u00e4llt zusammen mit dem) Maximum an Wahlm\u00f6glichkeiten. Mit einer der Festk\u00f6rperphysik entlehnten Metapher nannte er diese Wahlm\u00f6glichkeiten \u201aFreiheitsgrade\u2018\u201c.<\/span><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\"><b>Marc Bielefeld, 2013<br \/>\n<\/b><em>Wer Meer hat braucht weniger<\/em><b><br \/>\n<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: large;\"><b>Fred Vargas in: Es geht noch ein Zug von der Gare du Nord, 1999<\/b><br \/>\n<em>Wenn nicht sicher ist ob oder wieweit der Mensch freien Willen besitzt, wie l\u00e4\u00dft sich behaupten, Pflanzen h\u00e4tten kein Bewu\u00dftsein?\u00a0\u00a0 &#8230;<\/em><\/span><br \/>\n<em>\u201e<span style=\"font-size: large;\">&#8230; und f\u00fcr ihn hatten Informationen nichts mit Wissen zu tun.\u201c<\/span><\/em><\/p>\n<p><strong> <span style=\"color: #000000;\">Andr\u00e9 Gide in Les faux-monnayeurs, Die Falschm\u00fcnzer, 1925<br \/>\n<\/span><\/strong> <em><span style=\"color: #000000;\">&#8222;On ne d\u00e9couvre pas de terre nouvelle sans consentir \u00e0 perdre de vue, d&#8217;abord et longtemps, tout rivage.&#8220; (&#8222;Man entdeckt keine neuen Weltteile, ohne den Mut zu haben, alle K\u00fcsten aus den Augen zu verlieren.&#8220; )<\/span><\/em><\/p>\n<p><strong>F. Scott Fitzgerald in Der gro\u00dfe Gatsby<\/strong><br \/>\n<em>&#8230; dann f\u00fchlte er wohl, da\u00df ihn seine urspr\u00fcngliche Welt nicht mehr w\u00e4rmend umgab; er hatte sie l\u00e4ngst verloren, und das war der hohe Preis daf\u00fcr, da\u00df er allzulange einzig und allein seinen Traum gelebt hatte.&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong>Berhard Schlink in Das Wochenende<\/strong><br \/>\n<em>&#8222;Er trug seine Zelle mit sich&#8220;<\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Peter Handke in Die linksh\u00e4ndige Frau, 1976<\/span><\/strong><br \/>\n<em><span style=\"color: #000000;\">&#8222;Du hast dich nicht verraten. Und niemand wird dich mehr dem\u00fctigen.&#8220;<\/span><\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Michel Houellebecq in Elementarteilchen, 1998<br \/>\n<\/span><\/strong><em> <span style=\"color: #000000;\">&#8222;&#8230; der Glaube an eine vernunftgesteuerte freie Entscheidung in Bezug auf das menschliche Handeln &#8211; eine der Grundlagen der Demokratie &#8211; &#8230; das Ergebnis einer Verwechslung zwischen Freiheit und Unvorhersehbarkeit &#8230;&#8220;<\/span> <span style=\"color: #000000;\"> &#8222;Diesem Bed\u00fcrfnis nach rationaler Gewi\u00dfheit hat die westliche Welt schlie\u00dflich alles geopfert: ihre Religion, ihr Gl\u00fcck, ihre Hoffnungen und letztlich ihr Leben.&#8220;<\/span><\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Vlado Kristl bei Peter Handke, 1978 und 2010<br \/>\n<\/span> <\/strong><span style=\"color: #000000;\"><strong>\u201e<\/strong><\/span><em><span style=\"color: #000000;\">Einen Platz findet nur, wer ihn selber mitbringt&#8220;, Vlado Kristl, eingeblendet in Schlu\u00dfsequenz von \u201eDie linksh\u00e4ndige Frau\u201c, dem Film von Peter Handke, 1978; sowie in &#8222;Immer noch Sturm&#8220;, Peter Handke 2010<\/span><\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Gila Lustiger in Ersch\u00fctterung,\u00a0 2016<br \/>\n<\/span><\/strong><em> A<span style=\"color: #000000;\">ls die Banlieus brannten, wurden \u00fcber 60 \u00f6ffentliche Bibliotheken gebrandschatzt, \u00fcber 100 Schulen. Denn Schrift ist, was Unterdr\u00fcckten als Unterdr\u00fcckungsmedium begegnet &#8211; Formularen der Arbeits\u00e4mter, Rath\u00e4user, Polizei, Melde\u00e4mter, Krankschreibungen. Die Aufst\u00e4ndischen verlie\u00dfen nicht die Grenzen ihrer Banlieus. Es gab keinen Sturm der Bastille.\u00a0 Mangels intellektueller, mangels strategischer F\u00fchrung, mangels gemeinsamen Verabredens, mangels Kommunikation st\u00fcrmten sie nicht Regierungs- oder Justizgeb\u00e4ude. Alles infolge des Versagens jeglicher Integrationsbem\u00fchungen seitens Beh\u00f6rden, Parteien, Politiker, Regierung. Lyndon B. Johnson hatte die \u201eAffirmative Actions\u201c\u00a0 damit begr\u00fcndet, da\u00df man einen, der nicht Laufen gelernt hat, nicht an die Startlinie stellen kann und sagen, lauf los. Er braucht Hilfe, Schutz. Frankreich ist ein Land der theoretisch Gleichen. Aber schon gar nicht die Schulabbrecher sind in der Landesschmiede Ganztagsschule zu Franzosen geworden&#8230;<\/span><\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Erskine Childers in The riddle of the Sands, 1903<br \/>\n<\/span><\/strong><em><span style=\"color: #000000;\">\u00fcber die Deutsche Wattlandschaft: &#8211; a &#8222;scene inexpressibly forlorn&#8220;<\/span><\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Jo<span style=\"font-family: Nimbus Mono L,Courier New,monospace;\"><span style=\"font-size: medium;\"><span lang=\"en-GB\">\u00e3<\/span><\/span><\/span>o Ubaldo Ribeiro in Sargento Get\u00falio, Brasil 1971<\/span><\/strong> <span style=\"color: #000000;\"><br \/>\n<em>170 Seiten Innerer Monolog von einer Einsicht in die Seele wie bei <strong>Schnitzlers<\/strong> <strong>Leutnant Gustl<\/strong> &#8211; Abgr\u00fcnde<\/em> <\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Enzensberger, Einzelheiten, 1962<\/span><\/strong><span style=\"color: #000000;\"><br \/>\n<em>\u00fcber das Reisen mit R\u00fcckfahrkarte: <\/em><\/span><em><span style=\"color: #000000;\">&#8222;Indem wir auf die R\u00fcckfahrkarte in unserer Tasche pochen, gestehen wir ein, da\u00df Freiheit nicht unser Ziel ist, da\u00df wir schon vergessen haben, was sie ist.&#8220;<\/span><\/em><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Pompeius Magnus, Elegien, 106-48 v.Chr.<\/span><\/strong> <span style=\"color: #000000;\"><br \/>\n<em>&#8222;Navigare necesse est. Vivere non est necesse.&#8220; Mit der See begiebt sich der Menschen ins nicht eigenth\u00fcmliche Element. Aber das verm\u00f6gen wir. Die Grenzen der Natur zu \u00fcberschreiten liegt in unserer Natur. So gehe man also in die Natur, \u00fcberschreite seine Grenzen, l\u00f6se sich vom nur Naturgegebenen. &#8211; Auch vom Gottgegebenen.<\/em><\/span><\/p>\n<p><strong><span style=\"color: #000000;\">Heimito von Doderer, <\/span><\/strong><strong><span style=\"color: #000000;\">Die D\u00e4monen, M\u00fcnchen 1956 (hier: M\u00fcnchen 1985)<\/span><\/strong><br \/>\n<em><span style=\"color: #000000;\">zur Vergangenheit von L\u00e4ndern, unserer Leben, unseres eigenen Lebens S. 109f: \u201e&#8230;die Vergangenheit ist nichts Festliegendes, wir gestalten sie immer neu. Die ungeheuren Massen ihrer Tatsachen sind nichts, unsere Auffassung davon aber ist alles.\u201c zu vergeblicher Liebesm\u00fch S. 971: \u201e\u2026 jedes wirkliche Gespr\u00e4ch bricht Tore in\u2018s Hier und Jetzt, in\u2018s So uns So, ein Vorgang, der zur gr\u00f6\u00dften Unh\u00f6flichkeit, ja, Lieblosigkeit ausartet, gegen\u00fcber jedem, der nun einmal entschlossen ist, alles andere eher zu tun, als durch ein solches Tor zu gehen. Es sind das also Menschen, mit welchen man \u00fcberhaupt nicht reden kann, da seien sie, wer sie sein m\u00f6gen, die liebsten, die anst\u00e4ndigsten die energischsten, die intelligentesten. Man mu\u00df ganz einfach viel zu acht geben.\u201c\u00a0\u00a0 &#8230;\u00a0\u00a0 &#8222;Im Zentrum aber sa\u00df das allzeit erektionsf\u00e4hige Organ f\u00fcr den Profit.\u201c\u00a0 zu Weltanschauung S. 1023:\u00a0 \u201e\u2018Ain Gebild, wann dich daz \u00fcberkom, und du pist damit allainig und verslozzen, entgehet dir all anders, bist verlan\u2018. Damals nannte man es einen D\u00e4mon. Heute deklariert man das falsch, als ob es vern\u00fcnftiger Herkunft w\u00e4re: eine Weltanschauung\u201c\u00a0 S. 1151: \u201eIch geh\u00f6re jetzt eigentlich nirgends mehr hin\u201c&#8230;\u201cWelch kostbare Lage \u2026 die einzige Lage, aus welcher man jemals erfahren kann, wohin man wirklich geh\u00f6rt\u201c. S. 1158: \u201eIntelligenz ist, idealisch genommen, nichts als Leitf\u00e4higkeit, Leitwilligkeit.\u201c<\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heimito von Doderer in: Die D\u00e4monen \u201eDenn jedes wirkliche Gespr\u00e4ch bricht Tore in\u2018s Hier und Jetzt, in\u2018s So und So, ein Vorgang, der zur gr\u00f6\u00dften Unh\u00f6flichkeit, ja, Lieblosigkeit ausartet, gegen\u00fcber jedem, der nun einmal entschlossen ist, alles andere eher zu tun, als durch ein solches Tor zu gehen. 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